– Eine wahre Odyssee des Nichtstuns
Hermann saß einfach nur da. Still, regungslos und zufrieden, tief in seinen abgewetzten Sessel gelehnt, die Hände auf dem Bauch gefaltet, den Blick ins Leere gerichtet. Für einen Außenstehenden mochte es nach tiefem Nachdenken aussehen – für sie war es nichts als pure Zeitverschwendung.
Unruhig betrat sie den Raum, blieb stehen und musterte ihn mit zusammengekniffenen Lippen.
Wie ein altes Möbelstück, das man längst entsorgen wollte, aber aus irgendeinem Grund doch behalten hatte.
Sie spricht ihn an: “Hermann, was machst Du?”
Hermann:
Ich sitze hier.
Sie:
Hermann… ABER was machst du da?
Hermann:
Nichts.
Er blinzelte langsam, als hätte er vergessen, dass Menschen existieren. Seine Antwort war nicht trotzig, sondern rein informativ.
Sie:
Gar nichts?
Sie ließ ihre Worte in der Luft hängen, als könnte sie ihn durch bloße Beharrlichkeit in Bewegung versetzen.
Hermann:
Nein.
Ein Mann, ein Wort. Und dieses Wort war „Nein“.
Sie:
Aber irgendwas musst du doch tun?
Ihr Blick bohrte sich in ihn, als würde sie versuchen, das Geheimnis seines vermeintlichen Nichts zu lüften.
Hermann:
Ich sitze hier.
Die Wahrheit war einfach, aber nicht zufriedenstellend.
Sie:
Denkst du wenigstens an etwas?
Sie klang fast hoffnungsvoll, als wäre ein denkender Hermann ein besserer Hermann.
Hermann:
Nichts Besonderes.
Er rieb sich das Kinn, als müsse er selbst kurz überprüfen, ob sein Kopf tatsächlich in Betrieb war.
Sie:
Dann geh doch mal spazieren.
Ein Vorschlag, beinahe eine Bitte. Bewegung, frische Luft – das sollte ihm doch guttun.
Hermann:
Nein.
Kein langes Nachdenken, keine Zweifel. Einfach nur ein klares Nein.
Sie:
Ich bringe dir deinen Mantel.
Sie ließ sich nicht so einfach abschütteln.
Hermann:
Nein, danke.
Er hob eine Hand, als wolle er eine diplomatische Krise verhindern.
Sie:
Jetzt hättest du doch Zeit, mal etwas zu tun, das dir Spaß macht.
Ein erneuter Versuch, ihn aus seiner Starre zu reißen.
Hermann:
Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht.
Eine Tatsache, die für sie offenbar schwer zu akzeptieren war.
Sie:
Sei doch nicht gleich so aggressiv!
Die Worte trafen ihn unerwartet. Aggressiv? Er? Nein.
Hermann:
ICH SCHREIE DOCH GAR NICHT!
Eine Zimmerpflanze auf der Fensterbank zuckte zusammen. Dann herrschte Stille.
Hermann lehnte sich zurück und atmete erleichtert aus. Endlich. Jetzt konnte er sich in Ruhe seinem großen Projekt widmen – dem absoluten, unvergleichlichen, hochprofessionellen Nichtstun.
Hätte Loriot diese Szene gesehen, er hätte wohl anerkennend genickt. Denn nur selten wird das urdeutsche Ringen um Sinn, Aktivität und das vermeintliche Nichts so deutlich wie in den stillen Kämpfen des Alltags – zwischen bequemen Sesseln, ungeduldigen Blicken und der ewigen Frage, ob Nichtstun nicht vielleicht doch eine Kunstform ist.