Als er zu Jesus kam, sprach er: „Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ Nikodemus erkannte, dass in Jesus etwas war, das über das Gewöhnliche hinausging. Doch Jesus ging nicht auf die äußere Anerkennung ein, sondern sprach direkt zu dem, was Nikodemus wirklich brauchte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
Diese Worte trafen Nikodemus, doch er verstand sie nicht. Er dachte an das Äußere, an das Sichtbare, und fragte: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“ Doch Jesus sprach weiter und erklärte, dass es nicht um eine äußere Geburt gehe, sondern um eine Geburt aus Wasser und Geist. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Jesus sprach davon, dass der Mensch ein neues Leben braucht, ein Leben, das nicht aus sich selbst kommt, sondern von Gott gewirkt wird.
Jesus führte Nikodemus tiefer hinein und sprach von Dingen, die über das Sichtbare hinausgehen. Er verglich das Wirken des Geistes mit dem Wind, der weht, wo er will. Man hört sein Sausen, aber man weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht. So sei jeder, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus blieb verwundert und fragte: „Wie kann das geschehen?“ Da antwortete Jesus und machte ihm deutlich, dass er als Lehrer Israels diese Dinge eigentlich verstehen sollte, weil sie in den Schriften angedeutet waren.
Dann sprach Jesus von sich selbst und offenbarte das Herz Gottes: dass der Menschensohn erhöht werden müsse, wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hatte, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Und er sprach die Worte, die bis heute das Wesen Gottes offenbaren: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Hier zeigte Jesus Nikodemus den Weg: nicht durch Gesetz, nicht durch eigene Gerechtigkeit, sondern durch Glauben.
Doch Nikodemus ging nicht sofort verändert davon. Sein Weg war ein Prozess. Später, als die Hohenpriester und Pharisäer über Jesus urteilten und ihn verwerfen wollten, war es Nikodemus, der vorsichtig einwandte: „Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ Er stellte sich nicht offen gegen die anderen, aber er brachte einen Gedanken ein, der Gerechtigkeit forderte. Man spottete über ihn und wies ihn zurück, doch sein inneres Ringen war sichtbar.
Erst nach dem Tod Jesu tritt Nikodemus deutlicher hervor. Als Jesus gekreuzigt worden war und sein Leib vom Kreuz genommen wurde, kam Nikodemus zusammen mit Josef von Arimathäa. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund, um den Leib Jesu zu salben. Das war ein offenes Bekenntnis, kein verborgenes Kommen bei Nacht mehr. Er ehrte Jesus, den Gekreuzigten, mit dem, was er hatte, und zeigte damit, dass sich in seinem Herzen etwas verändert hatte.
Nikodemus war kein Mensch der schnellen Entscheidung. Er suchte, fragte, rang und verstand nicht sofort alles. Doch er blieb nicht stehen. Von der Nacht, in der er zu Jesus kam, ging sein Weg Schritt für Schritt ins Licht. Er hörte die Wahrheit, stellte sich innerlich ihr und fand schließlich den Mut, öffentlich zu handeln. Seine Geschichte zeigt, dass Gott auch mit denen Geduld hat, die langsam verstehen, die fragen und zweifeln, aber ehrlich suchen. Und dass das Licht, das in Jesus ist, auch das Herz erreicht, das zunächst noch im Verborgenen steht, bis es schließlich sichtbar wird.
[Johannes 3; Johannes 7; Johannes 19]