Der Jogger blieb dort nie stehen. Er verlangsamte nicht einmal.
Beim Vorbeilaufen legte er 0,50 € auf die Theke und lief weiter. Wortlos.
Ohne eine Fleischtasche mitzunehmen.
So ging es Tag für Tag. Wochen vergingen. Monate. Regen, Sonne, Hitze, Kälte. Der Jogger kam zuverlässig. Die Geste auch. Irgendwann änderte sich das Schild am Stand. Der Preis stieg.
Der Jogger änderte nichts. Er legte weiter dieselbe Münze hin. Er nahm weiter nichts mit.
Es war längst Routine geworden. Für beide.
Eines Morgens wiederholte sich das bekannte Bild. Die Münze lag auf dem Tresen. Der Jogger setzte zum Weiterlaufen an.
Plötzlich sprang der Verkäufer auf. Er rannte ihm hinterher.
Der Jogger blieb stehen, drehte sich um, überrascht, freundlich lächelnd.
Ein kurzer Moment der Stille.
Dann sagte der Verkäufer:
„Guter Mann, meine Teig- und Fleischtaschen kosten jetzt einen Euro.
Das hier reicht nicht mehr.“
Der Jogger sagte nichts. Er verstand.
Zu keiner Zeit hatte er Ware mitgenommen.
Er hatte nie etwas eingefordert. Er hatte lediglich gegeben – freiwillig, regelmäßig, aus Wertschätzung.
Erklärung:
Die Geschichte zeigt, wie schnell aus einer stillen Unterstützung eine Selbstverständlichkeit wird. Wie leicht Dankbarkeit verloren geht, wenn etwas immer da ist.
Sie erinnert daran, dass vieles in unserem Alltag genauso geschieht. Unterstützung, Geduld, Zuwendung. Dinge, die wir empfangen, ohne sie bestellt zu haben.
Dankbar zu sein, heißt, das wahrzunehmen. Nicht erst, wenn es fehlt. Sondern solange es da ist.
