Judas Iskariot war einer der zwölf Jünger, die Jesus selbst erwählt hatte. Er gehörte zum engsten Kreis, war Zeuge der Wunder, hörte die Lehre aus erster Hand und ging mit Jesus durch Städte und Dörfer. Er sah, wie Kranke geheilt wurden, wie Dämonen wichen und wie Menschen durch das Wort Jesu verändert wurden. Äußerlich war er ein Jünger wie die anderen, doch innerlich war sein Herz nicht fest bei dem Herrn. Schon früh zeigt sich, dass Judas mit dem ihm anvertrauten Gut nicht treu umging, denn er hatte die Kasse und nahm heimlich daraus, was hineingelegt wurde. So lebte er in der Nähe Jesu und doch mit einem Herzen, das sich nicht ganz Gott unterordnete.
Als Maria Jesus mit kostbarem Salböl salbte, wurde offenbar, was in Judas vorging. Er stellte die Tat infrage und sprach davon, dass man das Öl hätte verkaufen und das Geld den Armen geben können. Doch diese Worte waren nicht aus echter Fürsorge gesprochen, sondern aus Eigennutz. Sein Blick war auf den Wert des Geldes gerichtet, nicht auf die Liebe zu Jesus. So wuchs in ihm ein innerer Gegensatz: äußerlich ein Jünger, innerlich entfernt.
Als die Zeit näher kam, in der Jesus leiden und sterben sollte, begann Judas einen entscheidenden Schritt zu gehen. Es wird berichtet, dass der Satan in ihn fuhr. In diesem Zustand ging er zu den Hohenpriestern und bot ihnen an, Jesus zu verraten. Sie nahmen das Angebot an und versprachen ihm dreißig Silberlinge. Von diesem Moment an suchte Judas eine Gelegenheit, Jesus auszuliefern, ohne dass es zu einem Aufruhr unter dem Volk kam. Er plante den Verrat bewusst und wartete auf den richtigen Augenblick.
Am Abend des Passahfestes saß Judas mit den anderen Jüngern am Tisch. Jesus wusste, was geschehen würde, und sprach: „Einer unter euch wird mich verraten.“ Die Jünger wurden traurig und begannen zu fragen, wer es sein könnte. Auch Judas fragte: „Bin ich’s, Rabbi?“ und Jesus antwortete ihm: „Du sagst es.“ Doch die anderen verstanden noch nicht, was wirklich geschah. Während des Mahles gab Jesus Judas einen Bissen. Und in diesem Moment heißt es, dass der Satan erneut in ihn fuhr. Jesus sprach zu ihm: „Was du tust, das tue bald.“ Judas nahm den Bissen und ging hinaus. Und es war Nacht. Diese Nacht war nicht nur äußerlich, sondern auch das Bild für die Finsternis, in die Judas ging.
Judas führte die Männer der Hohenpriester und Ältesten in den Garten Gethsemane, wo Jesus oft mit seinen Jüngern war. Sie kamen mit Waffen, Fackeln und Lampen. Judas hatte mit ihnen ein Zeichen vereinbart: Der, den er küssen würde, sei der, den sie festnehmen sollten. Als er zu Jesus trat, sprach er: „Sei gegrüßt, Rabbi!“ und küsste ihn. Es war ein Zeichen der Nähe und zugleich der tiefste Verrat. Jesus antwortete ihm: „Freund, dazu bist du gekommen?“ und auch: „Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ Doch Judas blieb bei seiner Tat. Die Männer ergriffen Jesus und führten ihn ab.
Als Judas sah, dass Jesus zum Tode verurteilt wurde, erkannte er die Tragweite seines Handelns. Er empfand Reue und brachte die dreißig Silberlinge zurück zu den Hohenpriestern und Ältesten. Er sprach: „Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut verraten.“ Doch sie wiesen ihn zurück und sagten: „Was geht uns das an? Sieh du zu!“ In diesem Moment stand Judas allein mit seiner Schuld. Das Geld, das ihm zuvor wichtig gewesen war, verlor jeden Wert. Er warf es in den Tempel und ging davon.
Doch Judas fand keinen Weg zurück zu Gott. Seine Reue führte ihn nicht zur Umkehr, sondern in die Verzweiflung. Er ging hin und erhängte sich. Sein Ende war tragisch und zeigt, wie tief ein Mensch fallen kann, wenn er sich von Gott entfernt und keinen Weg der Umkehr mehr sucht. In der Apostelgeschichte wird berichtet, dass sein Leib zu Fall kam und zerbarst, und dass der Ort mit dem Geld seines Verrats in Verbindung gebracht wurde und Blutacker genannt wurde.
Judas war Jesus nahe gewesen wie kaum ein anderer. Er hatte alles gesehen und gehört, was auch die anderen Jünger erlebten. Und doch blieb sein Herz ungehorsam. Sein Leben zeigt, dass äußere Nähe zu Jesus nicht genügt, wenn das Innere sich nicht wirklich ihm zuwendet. Jesus selbst sagte, dass der Menschensohn zwar gehe, wie es geschrieben steht, aber wehe dem Menschen, durch den er verraten wird. Es wäre besser für diesen Menschen gewesen, wenn er nie geboren wäre. So bleibt Judas Iskariot ein ernstes Beispiel dafür, wie ein Mensch trotz großer Nähe zu Gott verloren gehen kann, wenn er den Weg der Wahrheit verlässt und nicht umkehrt.
[Matthäus 26; Matthäus 27; Markus 14; Lukas 22; Johannes 12; Johannes 13; Johannes 18; Apostelgeschichte 1]