Geschichten zum Vorlesen.

Malchus – Eine Begegnung in der Stunde der Gefangennahme

Malchus war ein Knecht des Hohenpriesters und stand im Dienst der religiösen Führung Israels. Sein Name wird nur an einer einzigen Stelle ausdrücklich genannt, und doch ist seine Begegnung mit Jesus ein eindrücklicher Moment in der Nacht, in der alles seinen Lauf nahm. Es war die Nacht, in der Jesus im Garten Gethsemane war, kurz nach dem Passahmahl, in der Stunde, in der der Verrat geschah und die Gefangennahme bevorstand.

Judas Iskariot führte eine Schar von Männern dorthin, gesandt von den Hohenpriestern und Pharisäern. Sie kamen mit Fackeln, Lampen und Waffen, bereit, Jesus festzunehmen. Unter ihnen war auch Malchus, ein Diener des Hohenpriesters, der Teil dieser Gruppe war. Jesus wusste, was auf ihn zukam, und ging ihnen entgegen. Er fragte: „Wen sucht ihr?“ Sie antworteten: „Jesus von Nazareth.“ Da sprach er zu ihnen: „Ich bin’s.“ Und sie wichen zurück und fielen zu Boden. Doch sie richteten sich wieder auf, und die Situation spitzte sich zu.

In diesem Moment griff einer der Jünger ein. Simon Petrus, der ein Schwert bei sich hatte, zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters. Der Schlag traf Malchus, und sein rechtes Ohr wurde abgehauen. Es war ein impulsiver, menschlicher Versuch, Jesus zu verteidigen, ein Eingreifen aus eigener Kraft in einer Situation, die Gottes Plan folgte. Doch Jesus ließ dieses Handeln nicht stehen.

Er sprach zu Petrus: „Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ Damit machte Jesus deutlich, dass das, was geschah, kein Zufall war, sondern Teil des Weges, den er bewusst ging. Gleichzeitig wandte er sich Malchus zu. Während um ihn herum Chaos, Angst und Gewalt herrschten, handelte Jesus in Ruhe und Barmherzigkeit. Er berührte das Ohr des Knechtes und heilte ihn. Der, der gefangen genommen wurde, tat noch in diesem Moment ein Werk der Heilung – sogar an einem, der Teil der Gruppe war, die ihn festnahm.

So wurde Malchus in dieser Nacht Zeuge von etwas, das weit über das hinausging, was er erwartet hatte. Er kam als Teil einer bewaffneten Gruppe, um einen Mann festzunehmen, und erlebte, wie dieser Mann selbst in der Stunde seines Verrats und seiner Gefangennahme nicht mit Gewalt antwortete, sondern heilte. Das Ohr, das ihm genommen worden war, wurde ihm wiedergegeben durch die Hand dessen, den er gefangen nehmen wollte.

Nach diesem Moment wird nichts weiter über Malchus berichtet. Die Schrift schweigt darüber, wie er diese Begegnung verstand oder was sie in ihm auslöste. Doch der Augenblick selbst bleibt stehen: ein Mann, der verletzt wurde, und ein Jesus, der heilt, obwohl er selbst den Weg ans Kreuz vor sich hat. In dieser kurzen Begegnung wird sichtbar, wer Jesus ist – nicht ein Aufrührer, der sich mit Gewalt verteidigt, sondern der Sohn Gottes, der auch im Leid und in der Bedrängnis barmherzig bleibt und Gutes tut.

So steht Malchus als ein stiller Zeuge in der Geschichte, als einer, der in der dunkelsten Stunde eine Berührung der Gnade erlebte, während der Weg Jesu unaufhaltsam weiterging hin zum Kreuz.

[Matthäus 26; Markus 14; Lukas 22; Johannes 18]
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